Erstmals in der Geschichte des Vereins wurde das botanische Jahr mit einer Exkursion, nicht mit der Jahrestagung eröffnet. 19 Exkursionsteilnehmer hatten sich am Treffpunkt eingefunden und folgten den Wegen entlang der Stadtmauer von Aschersleben, der ältesten Stadt in Sachsen-Anhalt. Am Burgplatz wurden, auf einer Rabatte angepflanzt, blühende Helleborus niger (Schwarze Nieswurz) beobachtet und einige immergrünen Gewächse benannt: Prunus laurocerasus (Pontische Lorbeerkirsche), Taxus baccata (Gewöhnliche Eibe) und Buxus sempervirens (Buchsbaum). Diese und weitere Arten profitieren von den milderen klimatischen Bedingungen, haben aber auch wirksame Mechanismen für den Kälteschutz. Insbesondere das Protein Prolin spielt im Überwinterungsgeschehen als „Gefrierschutzmittel“ eine zentrale Rolle. Ab der Eine-Brücke führte der Weg an den spärlichen Resten des ehemaligen Auwaldes entlang, heute innerstädtisch parkartig gestaltet. Die Eine nimmt ihren Ausgang auf Quellwiesen bei Harzgerode, formt dann das floristisch sehr interessante Einetal vom Unterharz bis hinter Aschersleben, wo sie in die Wipper einmündet.
Bemerkenswert waren gleich am Beginn des Weges rechtsseits der Eine großgewachsene Bäume von Ulmus minor (Feld-Ulme). Viel mehr als die anderen Ulmen-Arten wurde die Feldulme durch das Ulmensterben (ausgelöst durch den Pilz Ophiostoma ulmi/novo-ulmi) im vorigen Jahrhundert dezimiert. Die in Auwäldern einst bestandsprägende Feldulme wird seither fast nur noch strauchförmig beobachtet, da der eigentliche Baum abstirbt, aber der Stockausschlag bleibt. Bäume der hier beobachteten Größe verdienten inzwischen besondere Beachtung. Auffällig entlang des Weges auch der starke Jungwuchs von Fraxinus excelsior (Gewöhnliche Esche), was zum Hinweis auf die „Vereschung“ bestimmter Landschaftsteile Anlass gab, dort mitunter ein Problem der Landschaftspflege werdend (z.B. im Huy).
In dem lichten Parkbestand war Hedera helix (Gewöhnlicher Efeu) sehr zahlreich zu beobachten, das sowohl als Bodendecker als auch als Kletterer an den Bäumen. Efeu ist der einzige „Wurzelkletterer“ in der heimischen deutschen Flora. Er bildet dafür Haftwurzeln aus, die aber dem Trägerbaum keinerlei Stoffe entnehmen. Er ist damit kein Parasit. Durch die milderen Winter wächst Efeu auch in den mittleren Lagen des Harzes inzwischen an Bäumen empor; davor erfror er regelmäßig durch Kahlfrost und war hier nur bodendeckend bekannt. Letztlich wurde auch auf die Heterophyllie von Efeu verwiesen: Nicht blühende Pflanzenteile haben drei- bis fünflappige Blätter mit Träufelspitzen, blühende und fruchtende Pflanzenteile haben einfache ovale Blätter und bilden keine Haftwurzeln mehr.
Erste Frühjahrs-Geophyten waren mit Schneeglöckchen Galanthus nivalis agg. (Kleines Schneeglöckchen) zu sehen.

An einem aufallend veredelten Laubbaum wurde auf eine neu im Gebiet zugewanderte Flechtenart verwiesen: Hyperphyscia adglutinata (Anliegende Schwielenflechte). Noch ist diese Art im Harzgebiet sehr selten. Auch Candelaria concolor (Gewöhnliche Leuchterflechte) an einer Rotbuche wurde gezeigt, ebenfalls im Gebiet selten. Für beide Arten ist bemerkenswert, dass sie hier im sonst flechtenarmen innerstädtischen Raum auftreten.
Entlang des Apothekergrabens und der Straße „Über dem Wasser“ führte der Weg dann über die Eine-Brücke und weiter entlang der alten Stadtmauer bzw. des Gymnasiums Stephaneum. Hier gab es wieder Botanisches zu sehen. Neben größeren Beständen blühender Eranthis hyemalis (Winterling) wurden wiederum Galanthus nivalis agg. und erste Crocus-Blüten gesehen. An der Einfriedungsmauer des Gymnasiums wurde ein Exemplar von Tetradium daniellii (Stinkesche) vorgestellt.
Die zumeist aus Feldsteinen (Kalk) bestehenden Mauern zeigten starken Bewuchs mit Asplenium ruta-muraria (Mauerraute), die auf dem Weg bereits mehrfach gesehen wurde.
Wohl noch aus der Bepflanzung anlässlich der Landesgartenschau 2010 erhalten geblieben, ist ein kleiner Bestand von Galanthus elwesii (Elwes Schneeglöckchen, Heimat Türkei bis Ukraine).
Als wirkliche Besonderheit wuchs an einer Mauer der Cyrtomium falcatum (Mondsichelfarn), der hier überwintert hatte. Er ist bisher im gesamten Arbeitsgebiet noch nicht beobachtet worden, wohl aber aus den westlicheren subatlantischen Regionen Deutschlands bereits bekannt. Er wuchs in Gemeinschaft mit sehr kräftigen Exemplaren von Asplenium ruta-muraria und Dryopteris filix-mas (Gewöhnlicher Wurmfarn), geschützt durch einen Efeubewuchs.
Der Weg führte jetzt auf der Augustapromenade weiter, wo neben den bereits erwähnten Geophyten auch Galanthus woronowii (Woronow-Schneeglöckchen) bestimmt wurde. Die Heimat dieser hier gepflanzten Art ist im Kaukasus.
Am Denkmal des Stifters Johann Daniel Ramdohr (1775-1866) erfolgte ein kleiner Exkurs in die Geschichte. In Aschersleben wurde 1831 durch den Apotheker Hornung (1795-1862) der Naturwissenschaftliche Verein des Harzes gegründet. Er hatte wesentliche Anteile an der naturkundlichen Erforschung des Harzes, namentlich auch der floristischen. Er bestand bis 1865.
Nun wurde der Johannispromenade gefolgt. Eine weitere Flechte konnte mit Candelaria pacifica (Pazifische Leuchterflechte) vorgestellt werden, wachsend an einer Rotbuche. Auch diese Art muss als Neuzuwanderer in unserem Raum gelten.
Nach wenigen Metern war die „Genusswerkstatt“ mit einer Kaffee-Rösterei erreicht, wo sich Gelegenheit ergab, mit Kaffee und Kuchen sowie Gesprächen das Exkursionsgeschehen abzurunden.
Bis zum Ausgangspunkt der Exkursion war es nicht mehr weit. An exotischen Gehölzen fielen hier noch der Schnurbaum (Sophora), der Amberbaum (Liquidambar) und die Gleditschie (Gleditsia) auf.
Alles in allem waren die Teilnehmer der Exkursion zufrieden, weil nach der Winterpause erste interessante botanische Beobachtungen gemacht werden konnten. Viele lernten auch eine ihnen bisher völlig unbekannte Seite der Stadt Aschersleben kennen. Mancher nahm auch eine Wiederholung der Wanderung im Sommer auf seine To do-Liste, um die zahlreichen exotischen Gehölze in einem besser bestimmbaren Zustand zu sehen.
Leitung: Dr. Hans-Ulrich Kison, Armin Hoch
Text: Dr. Hans-Ulrich Kison
Fotos: Dorothee Wolf-Dolata, Sylvia & Armin Hoch









