Im Jahr 2026 wurde von dem ungeschriebenen Gesetz bisheriger Jahre abgewichen, die Kryptogamenexkursion in den Herbst zu legen. Aufgesucht wurde der Rotbuchen-Wald im Westhuy mit seinem imposanten Frühjahrsaspekt. Ziel war im ehemaligen Steinbruch am Hardelsberg das Geotop „Gletschertöpfe“.

15 kryptogameninteressierte Wanderfreunde hatten sich eingefunden, um die relativ kurze, aber mit viel Sehenswertem gespickte Strecke zu absolvieren. Aufmerksamkeit fand natürlich zuerst der Frühjahrsaspekt der höheren Pflanzen. Beispielhaft seien hier genannt: Wald-Veilchen (Viola reichenbachiana), zusammen mit hybriden Formen, die zu Viola x bavarica zu stellen sind. Typische Frühlings-Geophyten zeigten sich mit Leberblümchen (Hepatica nobilis), Busch-Windröschen und Gelbem Windröschen (Anemone nemorosa & A. ranunculoides) und Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus). Silberblättrige Goldnessel (Galeobdolon argentatum) und der der Waldgesellschaft namengebende Waldmeister (Galium odoratum) sowie zahlreich das Maiglöckchen (Convallaria majalis) u. a. m. vervollständigten das Bild. Ebenfalls zahlreich war das Erdbeer-Fingerkraut (Potentilla sterilis) zu beobachten, dass zusammen mit dem Echten Geißblatt (Lonicera periclymenum) auf die subatlantischen Bedingungen des Gebietes hinwies. Sehr zahlreich begleitete die Finger-Segge (Carex digitata) mit ihren Horsten den Wanderweg. Deutlich seltener war die Berg-Segge (Carex montana) zu beobachten.
Mit dem Verlassen des Waldes und Aufsuchen des ehemaligen Steinbruchgeländes änderte sich die Bodenvegetation deutlich. Lichtliebende Arten wie Frühlings-Fingerkraut (Potentilla neumanniana), die Blaugrüne Segge (Carex flacca), Heilziest (Betonica officinalis) u. a. traten hinzu. Eine schon lange bekannte Besonderheit im Umfeld der Gletschertöpfe ist das Rundblättrige Wintergrün (Pyrola rotundifolia). Einige kräftige Pflanzen vom Dornigen Schildfarn (Polystichum aculeatum) waren direkt am Gletschertopf zu sehen, an den Mauerelementen wuchs Mauerraute (Asplenium ruta-muraria).

Gletschertöpfe: „Beim Abbruch von Kalksteinen in dem großen Steinbruch am ‚Hardelsberg’ südlich von Huy-Neinstedt wurden im November 1910 Hohlräume in dem anstehenden Gestein freigelegt, die mit kugeligen Steinen und feinem Schutt angefüllt waren. Von den glattgeschliffenen Wänden der flußbettartigen Mulde führten zwei Rinnen zu zylindrisch ausgewaschenen Kesseln, die ebenfalls voll von runden Steinen und Schutt lagen. Herbeigerufene Fachleute erkannten in den Vertiefungen eiszeitliche Gletscherstrudel, die man sich folgendermaßen entstanden denkt: Das Tauwasser der Gletscher, die bei der sog. Saale-Vereisung über dem nördlichen Harzvorland lagen, rann in Rinnen und Spalten bis auf den felsigen Grund und nahm dabei die im Eis verpackten Sande und Steine mit. Das Wasser drang in Erdspalten des Kalkgebirges ein und bohrte mit Hilfe des mitgeführten Schleifmaterials in jahrhundertelanger Arbeit jene Kessel in den festen Kalkstein; dabei rundete sich das Schleifmaterial ab“ (Wesarg 1981).
Die Moose dominierten eindeutig den Vegetationsaspekt im Offengelände. Einige schattenliebende Arten wurden bereits entlang des Waldweges zu den Gletschertöpfen vorgestellt. Es konnte insgesamt ein breites Spektrum von Kalkmoosen gefunden werden. Diese setzen offenbar den aus der Luft stammenden Stickstoff recht effizient um.
Folgende Moosarten wurden nachgewiesen und erläutert (Vorexkursion 15.04. und Exkursion des Botanischen Arbeitskreises 18.04.2026):
| Moose (wissenschaftl. Name) | Moose (deutsche Bezeichnung |
| Bryum pallens | Blasses Birnmoos |
| Campylium chrysophyllum | Echtes Goldschlafmoos |
| Ceratodon purpureus | Purpur Hornzahnmoos |
| Ctenidium molluscum | Weiches Kammoos |
| Ditrichum flexikaule | Verbogenstieliges Doppelhaarmoos |
| Encalypta streptocarpa | Gedrehtfrüchtiges Glockenhutmoos |
| Eurhychium hians | Kleines Schönschnabelmoos |
| Eurhynchium striatum | Spitzblättriges Schönschnabelmoos |
| Hylocomium splendens | Glänzendes Hainmoos |
| Hypnum cupressiforme | Zypressenschlafmoos |
| Hypnum lacunosum | Geschwollenes Schlafmoos |
| Orthotrichum affine | Verwandtes Goldhaarmoos |
| Pohlia nutans | Nickendes Pohlmoos |
| Racomitrium canescens | Graues Zackenmützenmoos |
| Rhytidiadelphus triquetrus | Echtes Kranzmoos |
| Sanionia uncinata | Hakenmoos |
| Scleropodium purum | Grünstängelmoos |
| Thuidium abietinum | Tännchenmoos |
| Tortella tortuosa | Gekräuseltes Spiralzahnmoos |
| Tortula muralis | Mauerdrehzahnmoos |

Die Flechtenvegetation erwies sich als deutlich artenärmer. Grund ist das Fehlen festliegender Kalksteinbrocken. An der Oberfläche fand sich vor allem in feine „Scherben“ zerfallener Wellenkalk. Darauf waren nur einige Pionierflechten zu sehen wie:
- Verrucaria nigrescens s. lat. – Schwärzliche Warzenflechte
- Protoblastenia rupestris – Felsen-Kalksteinkruste und
- Sarcogyne regularis – Breifte Weichfruchtflechte

Der Mergelboden in besonnter Lage böte eigentlich beste Voraussetzung für das Auftreten der „Bunten Erdflechtengesellschaft“, die noch im vorigen Jahrhundert artenreich im Osthuy gefunden wurde. Lediglich folgende Arten wären zu dieser Gesellschaft zu rechnen, die damit nur äußerst fragmentarisch vorhanden war:
- Peltigera rufescens – Bereifte Schildflechte
- Placidium squamulosum – Schuppiges Erdplättchen
- Cladonia pyxidata subsp. pocillum – Rosettige Becherflechte
Bei letzterer fiel auf, dass ihre sehr kompakten Grundlager sogar Moospolster überwuchsen.
Z. T. massenwüchsig trat in den Xerothermrasen noch
- Cladonia rangiformis – Falsche Rentierflechte
auf.
An den aus Kalkstein gemauerten Pfeilern und Begrenzungsmauern an den Gletschertöpfen fanden sich weitere allgemein verbreitete Arten:
- Protoparmeliopsis muralis – Mauerflechte
- Lecanora dispersa – Zerstreutfrüchtige Kuchenflechte
- Bagliettoa spec. – Warzenflechte
- Flavoplaca citrina – Zitronen-Schönfleck und
- Trentepohlia spec. – Alge
Letztere ist eine Grünalge, die einen orange-roten Farbstoff einlagert und große Flächen der schattigen Vertikal-Felswände um die Gletschertöpfe einnahm.
Während der Mittagspause waren auf einem Steintisch die Arten
- Circinaria contorta – Krater-Kragenflechte und
- Circinaria calcarea – Kalk-Kragenflechte
zu bewundern.

Bei den epiphytischen Flechten fiel auf, dass die sonst an Bäumen übliche extreme Dominanz stickstoffzeigender Arten nicht vorhanden war. Spärlich traten auf:
- Xanthoria parietina – Wand-Gelbflechte
- Physcia tenella – Lippen-Schwielenflechte
- Physcia adscendens – Helm-Schwielenflechte und
- Melanelixia subaurifera – Gold-Braunschüsselflechte
Beim Rückweg war eine Rotbuche zu sehen, deren Wurzelwerk durch die Anlage des Weges freigelegt war. Beeindruckend, mit welcher Gewalt der Baum sich an der steilen Böschung festhielt. An einem Schneeball-Strauch (Viburnum opulus) fiel eine Rindendeformation auf, die zunächst für einen Pilz gehalten wurde. Es handelte sich jedoch um Gelege des Schneeball-Blattkäfers (Pyrrhalta viburni).
Ein Tag mit vielen interessanten Beobachtungen bei bestem Wetter ging so zu Ende.
Text: Dr. Hans-Ulrich Kison & Gisela Schaaf
Fotos: Dr. Joachim Keller, eränzt durch Dr. Hans-Ulrich Kison
Quelle:
Wesarg, E. (1981): Wanderführer durch das Naherholungsgebiet Huy. Veröff. Städt. Mus. Halberstadt Nr. 13: 21 S. mit Abb. und Faltkarte








