Das ehemalige Tagebaugebiet bei Gebhardshagen war das Ziel unserer diesjährigen gemeinsamen Exkursion mit dem Naturwissenschaftlichen Verein Goslar (NWV), die von Dr. Florenz Sasse geleitet wurde. Da dies die 25. gemeinsame Exkursion unserer beiden Vereine war, gab Dr. Hans-Ulrich Kison eine kurze Einführung zu den Anfängen der gemeinsamen Unternehmungen, die direkt nach der Wende 1990 begannen, aber erst am 20. Mai 2000 zu den jetzt etablierten gemeinsamen Exkursionen führten. Herr Kison betonte die unkomplizierte Zusammenarbeit nach der Wende, die von Anfang an völlig frei von dem üblichen Ossi-Wessi-Gerede gewesen sei. Dies wurde auch von Hilde Reinecke vom NWV bestätigt, die die herzliche Zusammenarbeit von damals lobte. Die regelmäßigen gemeinsamen Exkursionen wurden nur in den Corona-Jahren 2020 und 2021 ausgesetzt.

Die 30 angereisten Teilnehmer machten sich dann auf die Wanderung, die zuerst über den Hackelnberg führte, zu einem Vorkommen des Deutschen Ziest (Stachys germanica). Dies ist eine in der Roten Liste als stark gefährdet eingestufte Art (RL2), die auf dem Hackelnberg ein bedeutendes Vorkommen hat. Eine weitere dort vorkommende, gefährdete Art (RL3) ist das Zierliche Labkraut (Galium pumilum). In der Nähe fand sich eine vermutliche Hybride zwischen Weißem Labkraut (Galium album) und Echtem Labkraut (Galium verum), das Gelblichweiße Labkraut (Galium x pomeranicum). Beide Elternteile sind dort häufig. Weiter am Feldweg zur Haverlahwiese gab es ein üppiges Vorkommen des Kamm-Wachtelweizen (Melampyrum cristatum), eine Art, die ebenfalls stark gefährdet ist (RL2). In der Nähe blühten das Echte Eisenkraut (Verbena officinalis) und die hübschen Glocken der Nesselblättrigen (Campanula trachelium) und der Pfirsichblättrigen Glockenblume (Campanula persicifolia). Eine dritte Art dieser Gattung erregte dann unsere besondere Aufmerksamkeit, die Rapunzel-Glockenblume (Campnula rapunculus), eine ozeanisch-verbreitete Art, die weiter östlich nicht mehr vorkommt.
Als wir in die ehemalige Tagebaugrube hinabgingen, machten wir einen Halt an einem kleinen Teich mit einigen halophilen Arten: Gewöhnlicher Salzschwaden (Puccinellia distans), Salz-Schuppenmiere (Spergularia marina), Salz-Binse (Juncus gerardi) und Salz-Teichsimse (Schoenoplectus tabernaemontani). Da diese Pflanzen auf eine Salzbelastung des Teiches hindeuten, demonstrierte Herr Dr. Sasse den erhöhten Salzgehalt des Wassers über eine Leitfähigkeitsmessung, die 3,1 mS ergab. Das entspricht einem Salzgehalt von ca. 2 g/L und ist mit dem Gehalt in der östlichen Ostsee vergleichbar. Am Teichrand wuchs eine Segge, die zuerst als Fuchs-Segge (Carex vulpina) angesprochen wurde. Sie entpuppte sich dann als Fasche Fuchs-Segge (Carex otrubae). Nomen est omen. Auf dem Teichwasser schwimmend gab es untypische Blätter eines Wasserhahnenfußes (Batrachium), der dem Artenkomplex Ranunculus aquatilis/trichophyllus zuzuordnen ist. Im Wasser erkannten wir untergetauchte Sprosse von Armleuchteralgen. Diese werden nach neueren molekularphylogenetischen Untersuchungen zu den höheren Pflanzen gestellt. Wir konnten ein paar Exemplare fischen und vorläufig als Gewöhnliche Armleuchteralge (Chara vulgaris) bestimmen. Insgesamt wurden in den Teichen der Haverlahwiese erstaunlich viele Chara-Arten (5) entdeckt, darunter 2 salztolerante, die Raue Armleuchteralge (Chara aspera) und die Brackwasser-Armleuchteralge (Chara canescens). Beide sind in der Roten Liste der Kategorie 1 zugeordnet, d.h., sie sind vom Aussterben bedroht. In der Umgebung des Teiches wuchs die Raue Nelke (Dianthus armeria), eine RL3-Art. Sie ist durch die zunehmende „Ausräumung der Landschaft“ und das daraus resultierende Verschwinden ihrer bevorzugten Standorte bedroht.

Am Weg auf der östlichen Seite der Tagebaugrube bewunderten wir die Breitblättrige Ständelwurz (Epipactis helleborine), eine spätblühende Orchidee, und prächtige Exemplare der Mehligen Nachtkerze (Verbascum lychnitis), eine Art, die im Messtischblattbereich der Haverlahwiese bislang nicht gefunden wurde. Über den östlichen Zufahrtweg machten wir einen Abstecher zum Boden der Grube, in der sich viele Teiche befinden, die z.T. eine 5-fach höhere Salzbelastung aufweisen als der erste untersuchte Teich. In diesen Teichen finden sich einige seltene Amphibien-Arten, wie Kamm-, Berg- und Teichmolch u.a. Botanisch interessant sind die wegen der Salzbelastung eher spärlich bewachsenen Bodenflächen. Hier gab es als hübsch anzusehende Besonderheit viele rote Blüten des Kleinen oder Zierlichen Tausendgüldenkrauts (Centaurium pulchellum) und das Große Flohkraut (Pulicaria dysenterica), das gerade dabei war, seine gelben Blütenköpfchen zu öffnen. Beide sind salztolerante Arten. An weniger salzbelasteten Stellen kam auch das Echte Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea) vor. Nach dem Besuch der Grube setzten wir unseren Rundgang fort und fanden an der Nordostecke des Gebietes ein schattiges Plätzchen für eine kleine Mittagspause. Hier wuchs auch der Blut-Ampfer (Rumex sanguineus), der frische bis feuchte Waldwegränder liebt.
Nach der kurzen Pause ging es zu einem Damm, der auf die westliche Seite der Tagebaugrube führt. Da von dort der südliche Teil der Grube gut zu überblicken ist, gab Herr Dr. Sasse gleich im östlichen Teil des Dammes eine Einführung in die Geologie und die Geschichte des Bergbaus in der Haverlahwiese. In den Jahren von 1937 bis 1982 wurden hier 81 Mio t Eisenerz gefördert, im Tagebau von 1937 bis 1967 und im Tiefbau von 1938 bis 1982. Das geförderte Eisenerz stammt aus einer bis zu 100 m mächtigen Schicht des Hauterive, einer Stufe der Unterkreide, die 110 Mio Jahre zurückliegt. Das Erzlager entstand im Küstenbereich eines Meeres und liegt als sogenanntes Trümmererz vor, das mechanisch durch die Meeresbrandung entstand, oder als oolithisches Erz, das sich durch Eisenhydroxid-Ausflockungen bildete. Von Bergleuten wird es als Kaviarerz bezeichnet. Da die Schichten des Erdmittelalters hier senkrecht aufgerichtet sind, konnten die oberen 100 m des Hauterive-Erzes im Tagebau abgebaut werden. Um der Schicht weiter in die Tiefe zu folgen, waren Schachtbauten nötig. Nach Einstellung der Erzförderung wurde noch bis 2007 Bergematerial aus dem Schacht Konrad in die Grube verbracht. Danach wurde das Gelände renaturiert und unter Naturschutz gestellt. Durch die Senkrechtstellung der geologischen Schichten befindet man sich auf der Ostseite der Grube auf Schichten des Unteren Jura. Eine Leitfossilie ist hier Pleuroceras spinatum, ein Ammonit, den Herr Dr. Sasse herumreichen konnte. Nachdem wir über den Damm auf die Westseite gegangen waren, hatten wir die Schichten des Oberen Albium der Unterkreide erreicht und damit eine Zeitreise von ca. 100 Mio Jahren hinter uns.

Auf der Westseite des Dammes fanden wir viele Sträucher des Sanddorns (Hippophae rhamnoides) und als weitere Raritäten das Ungarische Habichtskraut (Hieracium bauhini) und das Florentiner Habichtskraut (Hieracium piloselloides). Beide Arten zeigen stickstoffarme Standorte an, die wegen der hohen Stickstoffemissionen immer seltener werden. Als letztes Highlight entdeckten wir dann noch einige Exemplare der Händelwurz (Gymnadenis conopsea). Auf dem Rückweg auf der Westseite der Grube gingen wir durch einen ausgedehnten, nährstoffarmen Halbtrockenrasen, auf dem im August zahlreiche Fransenenziane (Gentianospsis ciliata) blühen werden.
Eine gemütliche Gesprächsrunde bei Wasser, Kaffee und Käsekuchen am Kiosk in Gebhardshagen bildete dann einen runden Abschluss unserer 25. gemeinsamen Exkursion.
Text: Dr. Florenz Sasse
Fotos: Jürgen Roehl & Dorothee Wolf-Dolata






